Siegerhäuser mit Faschingskrapfen-Effekt

Siegerhäuser mit Faschingskrapfen-Effekt

Kennen Sie den Donut-Effekt? Raumplaner und Architekten beschreiben damit eine häufige und heftig kritisierte Entwicklung, nämlich dass rund um Städte und Gemeinden Einkaufszentren und neue Wohnbauten aus dem Boden schießen, während die Zentren darben. Im Stadtkern stehen Geschäftslokale und ältere Häuser leer, die Speckgürtel wachsen immer weiter – meist zulasten von Grünland. Das finden viele übel, sie hätten es lieber wie beim Faschingskrapfen: Rundherum schon auch etwas Gutes, aber innen drin nicht nur gähnende Leere, sondern das pralle, süße Leben. Wie das gelingt, zeigt der Architekturwettbewerb „Das beste Haus 2018“. Die von Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrum Wien (AZW), angeführte Jury legte den Schwerpunkt 2018 auf: Umnutzen, Sanieren, Nachverdichten.

Zum Glück nicht abgerissen

Was man aus einem bescheidenen Häuschen, errichtet in der Nachkriegszeit machen kann, beweist „Haus W.“ in Wien: Klein, eng, dunkel, wenig Platz, steiles Satteldach – die meisten hätten es wohl abgerissen, entsorgt und eine neue Bude auf das Grundstück gepflanzt. Aber Architekt Sebastian Illichmann machte daraus mit sehr gezielten Eingriffen ein Wohlfühlhaus mit offenen Räumen und Bezug zur Natur.
Foto: © Kurt Kuball

Neues altes Haus für einen Winzer

Im Zentrum einer Burgenländischen Gemeinde stand ein Gebäude jahrzehntelang leer, niemand wollte darin wohnen, weil es zu klein, zu eng für heutigen Wohnkomfort war. Architekt Martin Mostböck verband kleine Räume zu einem neuen Ganzen, zeitgenössisch in Form, Sprache und Material und – inklusive Pool und Fitnessbereich – maßgeschneidert für seine Auftraggeber. Und einfach sehr schön.
Foto: © Martin Mostböck

Gute Energiebilanz = selbstverständlich

Das Energiethema war bei diesem Architekturwettbewerb übrigens weniger präsent als bei früheren Ausgaben. Aber nicht, weil effiziente Dämmung aus natürlichen Materialien, Nutzung von Sonnenenergie & Co uninteressant geworden wären, im Gegenteil: Die meisten Häuser, die von ausgezeichneten Architekten für Bauherren mit Fantasie und Weitblick gebaut bzw. saniert werden, haben „nachhaltige“ Komponenten – aber das ist inzwischen so selbstverständlich, dass gar nicht mehr groß darüber geredet wird.

Energieautark

Nachverdichtung funktioniert auch außerhalb der Zentren, wenn man einem alten Gebäude neues Leben einhaucht. Aus dem „Hof O.“ in Oberösterreich ist dabei sogar ein energieautarkes Wohlfühlhaus geworden. Das Ausgangs-Szenario: Ein in die Jahre gekommener, ehemaliger Dreiseithof. Die Architekten Anna Moser und Michael Hager befreiten die gut erhaltene Bausubstanz aus ihrem Dornröschenschlaf – und machten das Anwesen auch noch energieautark: Die Energieversorgung erfolgt via Tiefenbohrung-Wärmepumpe sowie Sonnenenergie, Abwässer werden in einer eigenen Kleinkläranlage gereinigt und rückgeführt.
Foto: © Martina Oberlehner

Bei der Preisverleihung vergangene Woche ging es mir wie vielen anderen Zuschauern: Neben der Bewunderung für die Siegerhäuser poppte die Frage auf, warum das nicht öfter so gemacht wird. Zumal ja gerade jetzt viele Häuser aus den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren frei werden und meist günstig zu haben sind, oft in sehr guten Lagen. Beispiel: Das Oeconomiegebäude Josef Weiss, ein 1889 im Dornbirner Bahnhofsquartier erbauter Stadel. Denkmalgeschützt, aber unbewohnt, stand es jahrzehntelang leer. Nach sensibler Revitalisierung durch Architektin Julia Kick wird hier zeitgemäß gewohnt und gearbeitet. Tipp: Schauen Sie sich das hier an.
Foto: © Darko Todorovic, nussbaumerphotography.com

INFO

Architekturpreis „Das beste Haus“
Die s Bausparkasse vergibt seit 2005 mit Bundeskanzleramt, AZW und regionalen Architekturinstitutionen den Architekturpreis „Das beste Haus“. Eine Fachjury kürt das beste Ein- oder Zweifamilienhaus jedes Bundeslandes. Bis 3. April ist die Ausstellung mit den 9 Siegerhäusern und 18 nominierten Objekten im AZW zu sehen, danach in den Bundesländern. Weitere Infos und Termine auf dasbestehaus.at.

2 Comments

  1. Wolfgang sagt:

    Ja, ich kann die Besichtigung der Ausstellung wirklich empfehlen!

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